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FRANKFURTER ALLGEMEINE ZEITUNG, Ausgabe 22. April 2017, Seite 15, Kunstmarkt

Schöner als in Wirklichkeit

„Schicksalsfrauen“ in der Münchner Galerie Kunkel

Für die Kunst zwischen etwa 1890 und dem Ausbruch des Ersten Weltkriegs verbindet sich der Begriff „Fin de Siècle“ mit repräsentativer Salonmalerei in Abgrenzung zur Avantgarde. Auf das Kunstzentrum München in jener Zeit bezogen, ruft er die in ihren Prachtvillen Hof haltenden Malerfürsten auf: Franz von Lenbach, Franz von Stuck und Friedrich August von Kaulbach. Solange noch die wenigsten Leute etwas mit blauen Pferden oder grünen Gesichtern anfangen konnten, prasselte es Aufträge für diese Künstler, die ihren Erfolg nicht zuletzt attraktiven, schmeichelnden Porträts verdankten. Wenn zum Beispiel Lenbach Lydia Feez malte, eines seiner Lieblingsmodelle, übertraf ihre zarte Schönheit auf der Leinwand die Realität um einiges. Ähnliches gilt für das Konterfei der Tänzerin „Rosario Guerrero als Carmen“, dem Kaulbach Sahnehaut und Erdbeermund hinmalt. Beide Gemälde (38000 und 86000 Euro) hängen in der Porträtabteilung einer Ausstellung, die der Münchner Kunsthändler und Fin-de-Siècle-Spezialist Alexander Kunkel „Schicksals­frauen – Frauenschicksale um 1900“ taufte.

Mehr als vierzig Werke beleuchten das Thema: Der sinnlichen, gar gefährlichen Verführerin in der repräsentativen Salonmalerei stehen Frauenbilder gegenüber, die die Zeichner des „Simplicissimus“ quer durch die Schichten beobachteten. Mokant halten Olaf Gulbransson, Ernst Heilemann, Th.Th.Heine oder Eduard Thöny einer von Scheinmoral durchzogenen Gesellschaft den Spiegel vor. Die ließ es sich genüsslich gefallen, wie Auflagen der Satirezeitschrift mit bis zu 100000 Stück beweisen.

Alle bekommen in den scharf beobachteten, minutiös gezeichneten Szenen ihr Fett weg: verheiratete Damen mit schmal geschnürten Taillen und gelegentlichen Ohnmachts­anfällen in Häusern voller schwerer Polster, dicker Goldrahmen und Palmentöpfe ebenso wie ihre Gemahle, die in Frack und Zylinder gen Rennbahn oder halbseidene Vergnügen streben. Zwei ältliche Kokotten plaudern im Spielcasino: „Du hast gestern im National einen Grafen kennengelernt?“ – „Ja, das war aber eine Mesalliance, er hatte keinen Pfennig Geld bei sich.“: Eduard Thönys Zeichnung „Halbwelt“ von 1906 (8500 Euro) nimmt freundlich frotzelnd das Milieu auf die Schippe. Doch schwingt auch Sympathie für die dem idealen Alter und Aussehen von Liebesdienerinnen Entwachsenen mit, die sich wacker durchs Leben schlagen. Rosa Luxemburg soll einmal aus Berlin geschrieben haben, Thönys Figuren im „Simpl“ seien gar keine Karikaturen, „hier laufen davon Millionen herum“.

Dem zeitlosen Urbild der Frau spürte Sigmund Lipinsky in naturalistisch gezeichneten Akten nach wie einer großformatigen „Geburt der Venus“ (48000 Euro). Der Meisterschüler Anton von Werners, mit dem gemeinsam er die Berliner Domkuppel ausmalte, wurde erst kürzlich wiederentdeckt und mit dem Ankauf einer größeren Werkgruppe durch die Hamburger Kunsthalle geehrt. Der Zeichner und Grafiker unterhielt eine Kunstschule in Rom, dort wirkte auch der gleichfalls weniger bekannte Adolf Hirémy-Hirschl; sein Nachlass gelangte im vergangenen Jahr ins Wiener Museum Belvedere. Mit Zeichnungen wie dem stehenden Frauenakt in „Ekstase“ (3800 Euro) geht der dem Symbolismus nahestehende Hirémy-Hirschl – weit entfernt von Frivolität oder Spottlust seiner Zeit – Seelenzuständen nach. (Bis 13.Mai.)

BRITA SACHS

 

Äffische Grazie: Ernst Moritz Geygers „Dornauszieher“, mit dem Sockel 25 Zentimeter hohe Bronze aus dem Jahr 1891
Die fremdländische Beauté richtet ihren dunklen Blick auf den Betrachter in München.
Franz von Lenbach malte seine „Orientalin“ 1882 in Pastell auf einen 94 mal 63 Zentimeter großen Karton. Auf ihrem Weg in die Gegenwart ist sie auch als „Junge Türkin“ oder als „Tochter der Herodias“ angesprochen worden. Jetzt liegt der Preis für diese sehr typische Phantasie des Fin-de-Siècle bei 48 000 Euro.

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