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HANDELSBLATT, Online-Ausgabe 24. April 2015

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Dreiste Möchtegern-Mäzene

Albert Weisgerber • Neuestes vom Serenissimus

Seine Majestät, Kaiser Wilhelm II., lässt es sich nicht nehmen, die Hofsau von seiner Loge aus zur Strecke zu bringen. Gegeben wird 'Der Frei­schütz' von Carl Maria von We­ber. So wie Albert Weisgerber (1878-1915) den Kaiser 1908 zeichnete - dem Jahr, in dem er die Engländer mit 'verrückten Märzhasen' verglich - kann man ihn kaum ausmachen unter seinem unförmig aufgeblähten schwar­zen Mantel. Er kaschiert eine recht füllige Figur und lässt von einem sehr kleinen Kopf nur eine kleine Eiform oben herausragen.

Es ist eine der ganz seltenen Arbeiten von Weisgerber, erklärt der Münchener Kunst- händler Alex­ander Kunkel, der deshalb auch 12.500 Euro dafür ansetzen kann. 'Von dem kommt so gut wie gar nichts auf den Markt.' Kunkel hat für seine Frühjahrsausstellung rund 30 Werke von Künstlern zusammengestellt, die mit humorvollem und satirischem Blick Politik und Gesellschaft der Jahrhundertwende aufgespießt ha­ben. Zu ihrer Zeit waren sie einem breiten Publikum geläufig, da sie regelmäßig in den beiden ab 1896 in München herausgegebenen Zeit­schrif­ten 'Jugend' und 'Sim­pli­cis­simus' veröffentlichten. Einige Ar­bei­ten hat der junge Kunsthändler be­reits verkauft, darunter Heinrich Kleys Gouache einer kapriziösen, unbekleideten Dompteuse, die einen Männchen machenden Drachen zur Raison bringt.

 

Münchener tun was für die Kunst

Hans Christiansen • Junge Frau mit Weinlaub

Ähnlich wie Weisgerber ist auch Hans Chris­tiansen (1866-1944) von der französischen Plakatkunst, ihrer li­ne­aren Eleganz und dem spie­le­rischen Umgang mit Flächen beein­flusst. Christiansen, von dem Kunkel die far­bige Studie einer jungen, Trauben ern­tenden Frau im Angebot hat, ließ sich von den in­ten­siven, un­ge­bro­che­nen Farb­tönen der Nabis inspirieren (5.500 Euro). Sein Gesamtwerk tourt zurzeit durch Deutsch­land. Nach Sta­tio­nen auf der Mathildenhö­he in Darm­stadt und dem Bröhan-Museum in Berlin wird er im Spätsommer in Mün­chen in der Villa Stuck zu sehen sein.

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Etwa um dieselbe Zeit wie Weisgerber kari­kierte Eduard Thöny Münchener Bierbrauer, die sich auf eine dreiste, derbe Art als Mä­zene aufspielen. 'Meine Herren! Damit dass d'Leut' nicht sagen, wir Münchner tean nix für die Kunst.' Wissen Sie was, verkünden sie. Wir lassen jetzt ein Etikett für unsere Bierflaschen von einem Maler machen 'und zahlen zwanzg'g Markerl. So an armer Schlucker is oft froh, wenn er was z'fressen hat.' 8.500 Euro hat Kunkel für die schwarz­weiß gezeichneten Brauerei-Charaktere angesetzt.

Vorkehrungen gegen Attentate

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Derartiger Witz ist heute noch verständlich. Etwas schwieriger lesbar ist die Darstellung von Thomas Theodor Heines (1867-1948) Dar­stel­lung 'Aus Russland'. Dabei ist sie vor dem Hintergrund des Ter­ro­rismus hoch aktuell. Sie zeigt zwei vornehme junge Frauen in Begleitung einer teuflischen grü­nen Gestalt vor einer palastartigen Archi­tek­tur­ku­lisse. Kaum sichtbar sind die rau­chenden Gefäße, die sie mit haus­frau­lichem Ord­nungs­sinn wegräumen wollen. Dahinter steht die um 1905 angestiegene Bedrohung der herr­schen­den Aristokratie durch Bom­ben­at­ten­tate.

Viele große Künstler haben sich eingehend mit der Karikatur beschäftigt, von Leonardo da Vinci bis Pablo Picasso. Es ist Alexander Kunkels persönliches Spezialgebiet. Denn bevor er sich 2012 mit dem Kunsthandel Kunkel Fine Art selb­ständig machte, wurde er mit einer Dissertation über den satiri- schen Zeichner Heinrich Kley (1863-1945) promoviert.

'Zeichner der Jugend und des Simplicissimus. Glanz und Elend um 1900 im Spiegel der Karikatur'., bis 16. Mai 2015, Kunkel Fine Art, München

Fricke, Christiane Dr.
München

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