Presse

MUNDUS, Ausgabe Nr. 1/2014, Seite 58ff

 

August Riedel (1799–1883), Römerin aus Albano (um 1850)
August Riedel (1799 – 1883)
Römerin aus Albano um 1850.
Öl auf Leinwand, 140 x 100 cm

Mit geschultem Blick

Der Münchner Kunsthändler Dr. Alexander Kunkel hat sich auf Gemälde und Zeichnungen des mittleren 19. bis frühen 20. Jahrhunderts spezialisiert

„Künstler wieder zu entdecken, die zu Lebzeiten einen erstklassigen Ruf genossen haben, aber ungeachtet he­rausragender Qualität in Ver­ges­senheit geraten sind“, so beschreibt Dr. Alexander Kunkel seinen Impetus als selbständiger Kunsthändler. 1979 wurde er in Buenos Aires geboren und wuchs in München auf, wo er von 2000 bis 2005 als Stipendiat der Stu­dienstiftung des Deutschen Volkes Kunstgeschichte, Geschichte und Li­teratur studierte. Erste Erfahrungen im internationalen Kunsthandel sam­melte Kunkel bereits während des Stu­diums, z.B. bei Christie’s in London. Richtungweisend für die Schwerpunktsetzung seines Kunst­han­dels war die wissenschaftliche Aufarbeitung von Leben und Werk des Malers und Zeichners Heinrich Kley (1863–1945). Kunkels minutiös recherchierte Disserta­tion bildete die Grundlage für die von ihm kuratierte Ausstellung Heinrich Kley. Meister der Zeichenfeder im Kontext seiner Zeit. Von Max Klinger bis Walt Disney, die 2011 im Museum Villa Stuck in München sowie im Wilhelm-Busch-Museum in Hannover zu sehen war.

Trotz dieser geradezu klas­si­schen Voraussetzungen hat sich Alexander Kunkel gegen eine Kar­riere im in­stitutionellen Ausstellungs- und Sammlungsbetrieb entschieden. Der Schritt in die Selbständigkeit als Kunsthändler erfolgte 2012 – KUNKEL FINE ART ist seither auf den Ankauf und Verkauf sowie die Ver­mitt­lung vorwiegend deutscher Zeich­nungen und Gemälde des mitt­leren 19. bis frühen 20. Jahrhunderts spezialisiert. Im Mittelpunkt stehen dabei drei Positionen: Künstler in Italien, Künstler zwischen Salon und Sezession so­wie Künstler der Jugend und des Simplicissimus.

Die spezi­sche Ausrichtung von KUNKEL FINE ART resultiert aus dem profunden Fachwissen des jun­gen Kunsthistorikers sowie dem Ansatz, eine an künst­lerischen Strö­mungen überaus reiche Epoche neu zu betrachten und zu bewerten. Seinem geschulten Blick und seinen persönlichen Vorlieben ist es ge­schul­det, dass Alexander Kunkels In­ter­esse und Engagement vornehmlich Künstlern gilt, deren Namen oftmals nur noch Kennern ein Begriff ist. Diese Spezialisierung stellt seiner Meinung nach eine besondere Chance dar, sich als Newcomer von bereits etablierten Mitbewer­bern erfolgreich abzuheben. Die Ursache hierfür reicht weit zurück, denn schon früh regte sich in ihm die Sammel- und Entdeckerleidenschaft. Im Alter von fünfzehn Jahren ersteigerte er seine erste eigene Zeich­nung bei einer Kunstauktion: es war ein Werk von Heinrich Kley! Während des Studiums folgten dann diverse Praktika sowohl in Museen als auch im Kunst­handel, in deren Rahmen Kunkel erste wichtige Kon­takte zu renommierten Spezialisten knüpfen konnte. Die weitreichende Ver­net­zung innerhalb der Fachwelt ist für ihn aus heutiger Sicht von un­schätz­barem Wert, ist sie doch unerlässlich für jede erfolgreiche Tätigkeit im internationalen Kunsthandel.

Mut zur Qualität

Die Grundlagen für Alexander Kunkels kunsthändleri­sche Tätigkeit bilden umfassende Sachkenntnis, sorg­fältige kunsthistorische Re­cher­che und unermüdliche Neugier. Ob Künstler ihn nachhaltig ansprechen, deren Werke ihn faszinieren – dafür sind vor allem technische Kön­ner­schaft, ästhetische Qualität und inhaltliche Ori­ginalität aus­schlag­gebend. Kunkel ist sich durchaus be­wusst, dass er mit seiner Vorliebe für bislang zu wenig beachtete Kunst­strömungen nicht den Geschmack brei­ter Käuferschichten anspricht. Vielmehr sucht er den Zugang zu einem aufgeschlossenen Kreis gerade auch jüngerer Sammler, die sich nicht allein von großen Na­men be­ein­drucken lassen, sondern ein offenes Auge für exquisite Werke abseits traditioneller kunsthistorischer Pfade haben. Hierfür eine neue Präsenz zu schaffen und damit eine neue Wer­tigkeit zu etablieren, sind die er­klärten Ziele von Alexander Kunkel.

Unbekannte Meisterwerke

Das Angebot von KUNKEL FINE ART bietet inner­halb seiner drei Schwer­punkte eine reizvolle Mischung unterschiedlicher künstlerischer Po­si­tionen. Viele deutsche Künstler reisten während des 19. und frühen 20. Jahrhunderts nach Italien, das in diesem Zeitraum wie kein anderes europäisches Land eine besondere Anziehungskraft ausübte. Einer der Künstler im Pro­gramm, die es nach Italien zog und dem das Land zur zweiten Heimat wurde, war der deutsche Maler Au­gust Riedel. Seine Römerin aus Albano, um 1850 ent­standen, besticht vor allem durch Anmut in der Dar­stellung und subtiles Kolorit. Das Gemälde wurde un­mittelbar nach seiner Entstehung von König Wilhelm I. von Württemberg im Atelier des Künstlers erworben, der damit dem wichtigsten deutschen Kunstsammler seiner Zeit zuvorkam: auch Ludwig I. von Bayern hat­te ein Auge auf die junge Dame geworfen. Er musste jedoch mit einer kleinen Gouache-Replik des Gemäl­des Vor­lieb nehmen, die sich heute in der Staatlichen Graphischen Sammlung in München be­endet.

Der österreichische Zeichner Franz von Bayros reprä­sentiert im Programm von KUNKEL FINE ART die Vertreter der sogenannten Salons und Sezessionen. In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts war es für Künstler quasi unerlässlich, sich im Rahmen eines Salons, einer nach französischem Vorbild benannten of­fi­ziellen Kunst­ausstellung, zu prä­sentieren. Als Reaktion auf die of­fi­zi­ell jurierten Ausstellungen der Salons, die abweichende Tendenzen häu­fig ausschlossen, gründeten sich ab den 1890er Jahren zahlreiche Se­zes­sionen. Die Organisation jury­freier Kunstschauen durch vor­nehm­lich junge Künst­ler veränderte den da­ma­ligen Kunstbetrieb nachhaltig und eröffnete Spielräume fuür neue Kunst­auf­fassungen. Franz von Bayros etwa wurde zu Lebzeiten als Zeichner des Galanten, des Frivolen und Ero­ti­schen bekannt. Sei­ne Gouache Die Logik des Scheidens, 1913 in der popu­lären illustrierten Zeitschrift Lustige Blätter erschienen, ist ein typisches Beispiel für die raf­fi­nierte Bild­spra­che des Künstlers und zeichnet sich ebenso durch eine zarte Li­ni­en­füh­rung wie auch durch eine originelle Bildidee aus. Der Dialog der beiden jungen Damen erläutert die Szenerie: „Du willst dich scheiden lassen?“ „Ja. Ich finde Scheiden viel logischer als Heiraten.“ „Wieso denn?“ „Nun, wa­rum sie heiratet, weiß keine Frau. Aber warum sie sich scheiden lässt, weiß jede.“

Franz von Bayros (1866–1924), Die Logik des Scheidens (1913)
Franz von Bayros (1866 – 1924)
Die Logik des Scheidens 1913
Tusche (Feder und Pinsel) und Deckweiß über Bleistift auf Karton, 42,5 x 36 cm

Eduard Thöny, ein öster­rei­chischer Zeichner und Karikaturist, zählt mit seinen Darstellungen aus dem Militär- und Gesellschaftsleben zu den Stellvertretern der Rubrik Jugend und Simplicissimus bei KUNKEL FINE ART. Die beiden illustrierten Zeitschriften er­schienen ab 1896 in München und zogen vor allem eine junge Künstlergeneration an. Viele aufstrebende Talen­te arbeiteten fort­an für beide Zeitschriften und hatten damit die Möglichkeit, ihre Arbeiten einer breiten Öf­fentlichkeit vor­zu­stel­len. Thöny gehörte zu den wich­tigsten Mitarbeitern des Simpli­cis­simus, der durch sei­ne Karikaturen zum führenden Satireblatt des deut­schen Kaiserreiches avancierte. Die als Titelblatt abge­druckte Zeichnung Klassenjustiz aus dem Jahr 1899 of­fen­bart seine in Paris erworbenen Kennt­nis­se der französischen Plakat­kunst der Jahrhundertwende so­wie seine Experimentierfreude mit künst­lerischen Mit­teln. Für die raf­fi­niert komponierte Zeichnung schnitt Thöny zunächst Schablonen der ein­zelnen Figuren aus, die er dann durch eine mehrstu­fi­ge Spritztechnik an­legte, um abschließend mit Feder und Pinsel die Bin­nenzeichnung aus­zu­arbeiten. Der Text gibt Aufschluss über das Gesprächsthema der ele­gan­ten Gesellschaft: „Mit Preußen geht es faktisch abwärts, jetzt ist die säch­sische Justiz uns schon an Schnei­digkeit über.“

Eduard Thöny (1866–1950), Klassenjustiz (1899)
Eduard Thöny (1866 – 1950)
Klassenjustiz 1899
Aquarell, Tusche (Pinsel, Feder, Spritz­technik) und Deckweiß auf Karton, 24,5 x 24,5 cm

Ob mediterranes Lebensgefühl, mon­dä­ne Ele­ganz oder hintergründige Karikaturen – KUNKEL FINE ART lädt jeden Kunstliebhaber auf eine span­nende Entdeckungsreise rund um die Malerei und Zeichenkunst des mittleren 19. bis frühen 20. Jahr­hunderts ein.

Britta Acquistapace

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