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WELTKUNST, Ausgabe Nr. 87, Mai 2014, Seite 88

Bilder aus Arkadien

Capri (um 1900), Othmar Brioschi (1854–1912)
»Capri« um 1900, Othmar Brioschi (1854–1912), Öl auf Leinwand 37,5 x 73 cm
Rechts unten signiert und bez. »Oth. Brioschi. Rom«

Seit der Antike gilt die Insel als Sehnsuchts­ort par excellence: Capri im Golf von Neapel. Den Blick auf eine Terrasse des Eilands mit seinen schrof­fen Felsformationen und dem tief­blauen Meer hat der Österreicher Othmar Brioschi um 1900 in Öl fest­gehalten. Der Ma­ler, der die Wiener Akademie in der Meister­schule für Land­schafts­malerei be­such­te, ge­wann den großen Staatspreis, der mit einem Aufenthalt in Rom verbunden war. 1885 über­siedelte er ganz dort­hin. Daher rührt auch sein In­ter­esse für die italienische Landschaft. Seine Werke zeigen eigenwillige Perspekti­ven und eine Vorliebe für dra­ma­ti­sche Licht- und Farb­effek­te. Be­stimmt besuchte er von Rom aus Capri: Die von Felsen durchzogene Insel mit ihrer blauen Grotte und der immer­grünen Vegetation war in der zweiten Hälf­te des 19. Jahrhunderts als Ferienquartier bei deutschen Künst­lern überaus gefragt.

Brioschis ungewöhnliche Ansicht er­scheint trotz ihrer topo­gra­fi­schen Ge­nauig­keit fast überbelichtet und un­wirklich. Das Gemälde gehört neben fünf weiteren aus sei­nem Werk zur Ausstellung »Bilder aus Arka­dien 1850 bis 1900. Deutsche Künstler sehen Italien«. Die beiden Münchner Kunsthändler Alexander Kunkel und Klaus Spindler zeigen die Schau noch bis Ende Mai in Spindlers Räumen auf der Baaderstraße. Be­mer­kens­wert daran ist, dass hier zwei Generationen gemeinsame Sache ma­chen: Spindler handelt seit mehr als 35 Jahren mit Kunst und Kunst­handwerk aus der Zeit um 1800. Mit dem Pro­jekt setzt er eine Reihe fort, die mit seinem ei­genen Schwerpunkt korrespondiert. Seiner Ansicht nach gehen die mediterranen Dar­stel­lun­gen der zweiten Hälfte des 19. Jahrhun­derts auf jene Ita­lien­fas­zi­nation zurück, die um 1800 ihren Anfang nahm. Der junge Kunst­hi­sto­riker Kunkel, der seit 2012 in Mün­chen handelt, ist auf Zeichnungen und Ge­mälde ab Mitte des 19. bis zum frühen 20. Jahrhundert spezialisiert. »Das Thema Ita­lien ist lange nicht ausgereizt«, meint Kunkel. Noch sei­en zahlreiche Gemälde und Zeich­nun­gen aus dem späten 19. Jahrhundert von musealem Rang zu entdecken, »die im Ver­gleich mit Werken der Goethezeit deutlich unterbewertet sind«.

Unter den 15 Gemälden und Zeich­nun­gen hebt er auch »Die Bucht von Neapel bei Mondschein« (29500 Euro) hervor, eine Öl­skizze Oswald Achenbachs aus dem Jahr 1886. Es sind bei Weitem nicht immer blü­hende Landschaf­ten, die die Künstler in der Vergangenheit anzogen. So strahlt Ludwig Passinis Aquarell »Anna Passini auf dem Bal­kon des Palazzo Priuli in Venedig« von 1866 (45 000 Euro) eine eigentümlich me­lan­choli­sche Stimmung aus, eine zarte Morbidität, wie sie für die La­gu­nen­stadt charakteristisch ist. Heute wis­sen wir, dass die junge Gattin des Malers vor der bröckelnden Palast­fas­sade bereits ein Jahr später mit nur 26 Jahren an Schwindsucht ver­starb.

SUSANNE LUX

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