Presse

WELTKUNST, Ausgabe Nr. 126, März 2017, Seite 90-101

 

SAMMLER
SEMINAR

No 38

Deutsche Karrikaturen um 1900

Galerie Kornfeld Auktionen, Bern
»Unnötige Sorge von Eduard Thöny«, 1902/03, Hammerpreis 3400 Franken 2014 in der Galerie Kornfeld

Das wilhelminische Kaiserreich war ein idealer Nährboden für die Bildsatire.
Schonungslos nahm sie Obrigkeiten, politische Skandale oder
erotische Obsessionen aufs Korn. Die Konflikte von einst faszinieren bis heute

VON
ALEXANDER KUNKEL

D

Da droht Ärger. Das Hütchen sitzt schon etwas schief, der Schritt ist schwer und schwankend. Die Schuhe hat der Elefant mit der eleganten weißen Weste vorsorglich ausgezogen. Der Blick auf die Taschenuhr potenziert das schlechte Gewissen des Nachtschwärmers, denn die Heimkehr ist deutlich später geworden als geplant. Ein freundlicher Empfang ist nicht zu erwarten, die Milchflaschen vor der Tür signalisieren, dass in diesem Haushalt bereits Ruhe herrscht. Heinrich Kleys Zeichnung »Heimkehr vom Salvatorkeller« erschien 1910 in der Satirezeitschrift Simplicissimus: eine feine, genau beobachtete Charakterstudie bürgerlicher Zeitgenossen, verbrämt in der Gestalt eines schwerfalligen Vierbeiners.

Bis heute schätzen Sammler die Tiergrotesken des Zeichners und Malers Kley; auf der letzten Highlights-Messe in München wechselte die Federzeichnung für 9500 Euro den Besitzer. Mit solch köstlichen Humoresken und messerscharfen Politsatiren erlebte die deutsche Karikatur in der Zeit um 1900 einen Höhepunkt. Die Schlagkraft war mitunter gewaltig und hallte weit hinaus. Kley, der mit tanzenden Krokodilen und schlittschuhlaufenden Elefanten ein tierisches Panoptikum schuf, hat Jahre später übrigens Walt Disney fasziniert und den König der Trickfilme zu Leinwandlegenden wie Dumbo inspiriert.

Christian Mitko/Thomas Theordor Heine/Neumeister, München/VG Bild-Kunst, Bonn 2017 Staatsbibliothek zu Berlin/bpk
Seite des »Simplicissimus« mit Rudolf Wilkes Karikatur »Völkische Erinnerung«, 1902. Thomas Theodor Heines aquarellierte Tuschzeichnung »Deutsche Kolonialpolitik« (oben) wurde 2016 bei Neumeister für 800 Euro zugeschlagen.

Es mag manchem bei einer Karikatur das Lachen im Halse stecken bleiben, aber der komisch zugespitzte Widerspruch macht eben das Wesen des Genres aus. Übertreibung, Untertreibung, Verzerrung, Groteske, Gegensatzpaare, Doppeldeutigkeit und Widersinn – jedes künstlerische Mittel ist erlaubt, um Widersprüchliches aufs Korn zu nehmen. F. W. Bernstein, seit den 1960ern einer der prägenden Karikaturisten der Bundesrepublik, hat das Genre auf eine knappe Formel gebracht: »K = G + G + G: Graphik, Gritik und Gomik«.

Medium der Kritik

Die Karikatur ist ein schneller, mitunter spontaner Bildkommentar zu Ereignissen und Persönlichkeiten. Aus diesem Grund ist von jeher die Zeichnung das bevorzugte Medium des Karikaturisten. Sie erfordert keine aufwendigen technischen Utensilien; in wenigen, treffenden Strichen wird eine Situation umrissen und ein Charakter erfasst, um auf humoristische Weise politische Ereignisse und soziale Missstände aufzugreifen. Das Aufblühen des grafischen Gewerbes seit Ende des 18. Jahrhunderts ermöglichte die kostengünstige Vervielfältigung und Verbreitung der Karikatur. Sie wurde zu einem massenwirksamen Medium öffentlicher Kritik. Um 1900 hatte sie sich weitgehend vom rein Komischen entfernt. Die Bilder aus dieser Zeit bestechen durch soziale Brisanz, intellektuelle Prägnanz und einen Zeichnungsstil, der bereits wesentliche Elemente der Moderne vorwegnahm.


Kunkel Fine Art, München Thomas Theordor Heine/Bonhams/VG Bild-Kunst, Bonn 2017
Heinrich Kley verlegte in unnachahmlicher Weise die menschlichen Schwächen ins Tierreich: »Heimkehr vom Salvatorkeller«, 1910, von Kunkel Fine Art für 9500 Euro verkauft. Das »Simplicissimus«-Plakat mit Thomas Theodor Heines bissiger Bulldogge, 1896 (u.), erzielte 2016 bei Bonhams in Los Angeles mit Aufgeld 8125 Dollar

Die Gräben des Kaiserreichs

Obgleich der Zweck einer Karikatur in der Veröffentlichung liegt, geht ihr Anspruch oft weit darüber hinaus, »nur« Vorlage für ein Massenmedium zu sein. Wer einmal eine Zeichnung mit ihrer Reproduktion verglichen hat, wird sich umso mehr am Original erfreuen. Denn keine noch so brillante Drucktechnik vermag die Aura dessen wiederzugeben, was der Künstler mit seiner eigenen Hand zu Papier gebracht hat. Dass die meisten dieser Werke, gemessen an ihrer historischen und künstlerischen Dimension, auch heute noch relativ preiswert zu erwerben sind, kann nicht zuletzt jüngeren Kunstenthusiasten den Einstieg in ein spannendes Sammelgebiet ermöglichen.

Je schlechter die Zeiten, desto besser die Witze, heißt es. Aber die Karikatur ist mehr als ein Witz. Dass sie in Deutschland gerade um 1900 eine Blütezeit erlebte, hat ihre Ursache in den politischen und gesellschaftlichen Gegensätzen des 1871 gegründeten Kaiserreichs. Einerseits ein Obrigkeits- und Militärstaat, dessen Beamtentum von Uniformen und Unterwürfigkeit bestimmt war. Andererseits der Drang nach Demokratie und das Aufkommen sozialistischer Ideen. Das Kaiserreich war ein brodelnder Kessel der Kontraste. In Sachen Technik und Produktion war man modern und fortschrittlich, Deutschland war ein Land der Großindustrie geworden. Aber politisch blieb man reaktionär. Die neuen Geldbarone arrangierten sich mit der alten Aristokratie. Reichskanzler Bismarck selbst sprach vom »Bündnis zwischen Rittergut und Hochofen«.

Die Kehrseite des Aufschwungs war die Verelendung ganzer Bevölkerungsschichten. An diesem Kontrast zwischen Moderne und Reaktion, zwischen enormem Reichtum und tiefer Armut rieb sich eine neue sozialkritische Künstlergeneration. Gisela Vetter-Liebenow, die Direktorin des Wilhelm-Busch-Museums in Hannover, begründet die im internationalen Vergleich relativ späte Profilierung einer ambitionierten Karikaturistenszene vor allem damit, dass das deutsche Bürgertum das ganze 19. Jahrhundert hindurch die Aristokratie verehrte, ihr unkritisch nacheiferte und kein eigenes politisches Bewusstsein entwickelte. Nicht nur im geistig intellektuellen Sinne, sondern auch unter stilistischen Gesichtspunkten riss sich die Karikatur um 1900 von der langen Leine.

Doch ganz ohne Tradition und Vorläufer war diese neue, angriffslustige und respektlose Generation nicht. Mit dem Erstarken des Zeitungswesens im 19. Jahrhundert bekam die Karikatur schon früh eine breite Plattform, die jedoch nur selten politisch ausgereizt wurde. In Frankreich und England ritten die Karikaturisten schärfere Attacken gegen Herrscher und verlogene Moralapostel. In Deutschland diente vieles lediglich der humorvollen Unterhaltung. Einige Blätter aber entwickelten politische Brisanz und verstanden es, talentierte Künstler an sich zu binden. Ab 1845 erschienen in München die »Fliegenden Blätter«, für die im Lauf der Jahrzehnte neben vielen anderen prominenten Künstlern Wilhelm Busch, Karl Spitzweg und Franz Stuck arbeiteten. 1872 wurde als Wochenbeilage des »Berliner Tageblatts« der »Ulk« als »Illustrirtes Wochenblatt für Humor und Satire« aus der Taufe gehoben. Begnadete Zeichner wie Hans Baluschek, Lyonel Feininger und Heinrich Zille zählten zu seinen Mitarbeitern. 1886 folgten die ebenfalls in Berlin verlegten »Lustigen Blätter« mit Bildbeiträgen von Ernst Heilemann, Jules Pascin und Walter Trier.


Kunkel Fine Art, München Olaf Gulbransson/Kunkel Fine Art, München/VG Bild-Kunst, Bonn 2017
Der englische König wälzt sich unwissend im Schlaf, während über ihm schon der Schatten des deutschen Zeppelins droht: Die Gouache mit Tuschzeichnung, 1908, kostet bei Kunkel Fine Art 6500 Euro.
Deftige Berliner Schnauze in Heinrich Zilles Tuschfederzeichnung »In der Sommerfrische«, um 1923. Das Blatt erzielte 2015 bei Bassenge einen Hammerpreis von 9500 Euro

Die Arena: »Simplicissimus«

Zum Zentrum der deutschen Karikatur um 1900 avancierte jedoch München, wo 1896 sowohl die »Jugend« als auch der »Simplicissimus« gegründet wurden. Die »Jugend« war ihrer Ausrichtung nach weniger politisch als der »Simplicissimus«, teilte sich mit diesem jedoch eine große Anzahl freier Mitarbeiter, weshalb man bei der Recherche zu Werken mancher Künstler häufig die Jahrgänge beider Zeitschriften sichten muss. Daneben gab es im deutschsprachigen Raum Dutzende, oft nur recht kurzlebige satirische Zeitschriften, die es aber wegen niedriger Auflage oder schwächeren künstlerischen Rangs nicht geschafft haben, sich einen Platz im Olymp der Karikatur zu sichern.

Ein »lachendes und beißendes Gewissen des deutschen Kaiserreiches« nannte Walter Rathenau, liberal gesinnter Außenminister in der Weimarer Republik, den wöchentlich erscheinenden »Simplicissimus«. Kein anderes Blatt hat in den Jahren vor dem Ersten Weltkrieg die wilhelminische Politik, die bürgerliche Doppelmoral, die Kirche und das Militär so scharf angegriffen wie die Münchner Satirezeitschrift. 1897 entwarf Thomas Theodor Heine das Wappentier der Redaktion: eine rote Bulldogge. Grimmig, stämmig, böse, die scharfen Eckzähne bleckend und den Blick stechend auf den Betrachter gerichtet, strotzt dieser Höllenhund, der sich von der Kette gerissen hat, vor Bissigkeit.

Galerie Bassenge, Berlin
Dort wurde 2014 Olaf Gulbranssons antiklerikale Bildsatire »Der Herr von Deutschland«, 1906, für 6500 Euro verkauft. Die Botschaft: Wer arm ist, hat von der Kirche nichts zu erwarten.

Zum festen Mitarbeiterkreis des »Simplicissimus« zählten die meist noch relativ jungen Künstler Olaf Gulbransson, Thomas Theodor Heine, Bruno Paul, Ferdinand von Reznicek, Eduard Thöny und Rudolf Wilke. Ihre bevorzugte Zielscheibe waren blasierte Offiziere, herzlose Reiche und vollgefressene Pfaffen. Woche für Woche wurden die innen- und außenpolitischen Ereignisse kommentiert und zwischen Beiträge von sozialkritischen Schriftstellern wie Frank Wedekind und Richard Dehmel, aber auch von Erich Kästner oder Thomas Mann gestellt.

Oft dachten sich die Zeichner und die Redakteure die Titel und Texte der Beiträge gemeinsam aus, um eine möglichst treffende Pointe zu erzielen. Dass es Albert Langen, Herausgeber und Gründer der Zeitschrift, geschafft hat, einige der besten satirisch-humoristischen Zeichner der jüngeren Generation um sich zu versammeln, beweist auch der rasche Anstieg der Auflage auf über 100 000 Exemplare.

Die künstlerische Brillanz vieler Zeichnungen machte die Originale der »Simpl«-Mitarbeiter bald zu einem beliebten Sammelgebiet. In Frankfurt, Leipzig und Berlin fanden wiederholt vom Albert-Langen-Verlag initiierte Sonderauktionen statt, in München organisierten die Galerien Heinemann, Brakl und Thannhauser regelmäig Einzel- oder Gruppenausstellungen. Nach und nach zeigten sich in ganz Deutschland die Grafischen Sammlungen der Museen ebenso wie Kunstvereine und Privatsammler am Erwerb der Originalzeichnungen interessiert. Alben mit den beliebtesten Beiträgen von Gulbransson, Kley und Thöny stachelten die Aufmerksamkeit zusätzlich an. 1904 erfuhr Heine in einer eigenen Monografie die Würdigung des Kunstschriftstellers Hermann Eßwein.

So zeittypisch die Inhalte oft sind, ihre künstlerische Wirkung ist auch nach mehr als 100 Jahren nicht verpufft. Die Typisierung und Charakterisierung von Macht und Ohnmacht, die treffsicher ätzende Porträtkunst sowie die genau beobachteten, oft erotisch aufgeladenen Szenen in großbürgerlichen Salons gehen weit über die Tagesaktualität hinaus. Wer heute deutsche Karikaturen um 1900 sammelt, hat die Qual der Wahl: Soll man sich auf einen Künstler konzentrieren, ein bestimmtes Thema verfolgen oder doch lieber einen breit angelegten Überblick anstreben? Die Entscheidung muss letztlich jeder Sammler für sich treffen. Eine Einführung in drei Kernthemen mag bei der Orientierung helfen: soziale Missstände, Frauenbilder, politische Krisen.

Das rasante Wachstum der Industrie und der Städte brachte das sogenannte Großstadtproletariat hervor. Hatte Berlin im Jahr 1880 knapp über eine Million Einwohner, waren es 25 Jahre später bereits doppelt so viel. Hinterhöfe, Mietskasernen, Großfamilien in einer Wohnküche, Verelendung der Arbeiterschaft – kein anderer Künstler hat sich so nah an dieses Thema gewagt wie Heinrich Zille. Berlins Arbeiterviertel boten ihm reichlich Stoff. Er stellte die Matronen vom Kiez dar, die Nutten aus den Kneipen im Wedding, die derben Familienväter und die rotznasigen Gören. Pralle Alltagsbeobachtungen ohne Mitleid und Stigmatisierung, die von ihrer unverblümten Deftigkeit leben.

Gegen die Ignoranz

Zilles detailversessene, stark erzählerische und vom sprichwörtlichen Berliner Mutterwitz geprägte Sozialstudien erschienen auch im »Simplicissimus«, etwa 1914 die lavierte Tuschzeichnung »Berlin N.«. Nähmaschine, Herd, Bett verraten, was in diesem Souterrainloch alles passiert. Zilles Methode ist die Kontrastierung von proletarischer Gemütlichkeit und sarkastischer Untertitelung. Was der Schneider seinem Sohn, der am halb geöffneten Fenster sitzt, zuruft, ist noch harmlos: »Theobald, mach’s Fenster zu, meine Arbeit wird dreckig!« Makaber hingegen die Antwort: »Aba Vata, det riecht heite wieder mächtig fein nach den fettigen Rooch von’s Krematorium.« Schon 2001 war das Blatt einem Bieter des Auktionshauses Villa Grisebach ohne Aufgeld 15 000 Mark wert. Zilles große Leistung war es, das Proletariat mit Aufmerksamkeit und Sympathie als vitale, respekt- und würdevolle Gesellschaftsschicht darzustellen.

Die überspitzte Charakterisierung von Menschen kennzeichnet das Werk des Norwegers Olaf Gulbransson, der 1902 nach München kam. In seinen Karikaturen herrscht ein expressiver Ton, wenn er mit ausgesprochener Linearität und in kühnen Perspektiven die Amoralität und Ignoranz der Oberschicht anprangert. Gulbransson spielt mit Allegorien, so in der 1906 im »Simplicissimus« veröffentlichten Zeichnung »Der Herr von Deutschland«. Der Titel bezieht sich auf den mächtig aufgeblasenen Priester, der zwei Bettlern arrogant entgegenschleudert: »Verreckt von mir aus! Ich gebe nichts mehr!« Die sparsam ausstaffierte Karikatur nimmt die gar nicht so christliche Haltung der Kirche in puncto gesellschaftlicher Verantwortlichkeit ins Visier. Denn bei der verwahrlosten Gestalt mit der Krone handelt es sich um Germania, die Personifikation Deutschlands. Der auf Krücken gestützte Invalide verkörpert die notleidende Bevölkerung.

Die Härte der Aussage, dass die Armen und Schwachen von der Kirche weder Schutz noch Unterstützung zu erwarten haben, hat Gulbransson grafisch durch eine flächenhafte Komposition mit perspektivischen Streckungen und Verkürzungen umgesetzt. Zusätzliche Prägnanz und Schärfe verleiht er seiner Darstellung durch die farbliche Beschränkung auf deckendes Schwarz, grelles Orange und neutrale Grautöne.


Frauen in der Männerwelt

Kaiserzeit war Männerzeit. Die Perspektive der durchweg männlichen Karikaturisten auf die Frauen der Belle Époque war festgeschrieben im patriarchalischen Koordinatensystem. Man amüsierte sich über junge Frauen an der Seite hochbetagter Herren, über Seitensprünge und Frivolität in schlüpfrigen Etablissements. Feministinnen und Frauenrechtlerinnen hingegen wurden als Mannweiber und hysterische Emanzen mit ätzendem Spott überzogen. Die Sympathie der Karikaturisten von Wilhelm Schulz bis Marcel Dudovich galt jenen Frauen, die sich durch eine Mischung aus Erotik, Rafinesse und Chuzpe in einer von Männern dominierten Welt zu behaupten wussten.

Lyonel Feininger/Grisebach, Berlin/VG Bild-Kunst, Bonn 2017
Als Karikaturist nahm sich Lyonel Feininger auch selbst auf die Schippe, hier als ideen- loser Arbeitsverweigerer. Die Gouache und Tuschzeichnung von 1900 wurde 2008 bei Grisebach für 8500 Euro zugeschlagen.

Stilistisch unterscheiden sich diese Blätter erheblich von den harten Politsatiren. An die Stelle linearer Reduktion tritt oft eine üppige Stofflichkeit der Gewänder und der Interieurs. Eduard Thöny war ein Meister darin, Geschlechterkonflikte in die Eleganz der großbürgerlichen Salons zu verlegen. Ferdinand von Recnizek hatte ein besonderes Talent, die delikate Koketterie der Damenwelt durch rauschende Roben zu verstärken.

Wenn es um Frauen geht, spielen sich oft pikante Szenen ab, die Sittlichkeit und Moral aufs Korn nehmen. Ein charakteristisches Beispiel hierfür ist das 1908 im »Simplicissimus« veröffentlichte Skandalblatt »Kulturfortschritt« von Ernst Heilemann. Eine vornehme Hochzeitsgesellschaft ist zu sehen, auf der gerade eine verbale Ohrfeige erteilt wird: »Früher heirateten die Männer, wenn es die Verhältnisse erlaubten, jetzt heiraten sie, wenn es das Verhältnis erlaubt.« Der gestellten Nebenbuhlerin schießt die Schamesröte ins Gesicht. Heilemann hat die Szene gekonnt komponiert, in dem er die beiden Frauen dicht vor das restliche Geschehen der Feier postiert hat.

Derber fallen Milieu und Witz in Eduard Thönys Zeichnung »Standesbewusstsein« aus, die 1898 im »Simplicissimus« publiziert wurde. Schauplatz ist ein Kaffeehaus, damals bevorzugter Treffpunkt von Künstlern und Literaten, aber auch von den Vertreterinnen der Demimonde. Diese Halbweltdamen, die nur nach außen hin elegant auftraten, gehörten zum festen Typeninventar der Karikatur. Komprimiert und mit raffinierten überschneidungen hat Thöny die Szene festgehalten. Unter der übertrieben modischen Kleidung und dem auffälligem Make- up lauert das Ordinäre der Kurtisanen und Prostituierten. In breitem Berliner Dialekt kläfft die eine: »Du, Beate, mach jefälligst hier nich so’n Krach! Wenn du dir schon mal zur Demimong rechenst, denn benimm dir ooch danach.« 2005 hat ein Sammler bei Karl & Faber in München 5600 Euro für die in Tusche und Aquarell angelegte Charakterstudie geboten.

Politische Fehlentwicklungen und drohende Katastrophen sind das Tagesgeschäft der Satire. Kaiser Wilhelm II., der 1888 auf den Thron kam und mit bizarren Alleingängen und imperialen Gelüsten in die Politik eingriff, bot den Karikaturisten eine breite Angriffsfläche. Deutschland war wirtschaftlich ein Riese geworden, im Konzert der europäischen Großmächte aber immer noch ein Zwerg. Um dies zu ändern, setzte Wilhelm auf den Aufbau einer Kriegsflotte, aber auch auf die Luftfahrt. So war es ein staatstragendes Ereignis, als 1900 der Erstflug eines Zeppelins verfolgt wurde.

Um Heinrich Kleys Karikatur »Zeppelins Schatten« von 1908 zu verstehen, muss man wissen, dass Deutschland mit seinen Großmachtallüren besonders mit der Handels- und Kolonialmacht Großbritannien in Interessenskonflikt geriet. Der englische König Edward VII., Sohn von Königin Victoria und Onkel von Kaiser Wilhelm II., ahnt im Schlaf anscheinend noch nichts von den Ambitionen seines Neffen. Dennoch beschert ihm der Schatten des sich wie ein Torpedo von Deutschland auf England zusteuernden Luftschiffs einiges Ungemach. Die gestalterische Leichtigkeit dieses Blattes steht freilich in starkem Kontrast zu dem Schrecken, den die Zeppeline zu Beginn des Ersten Weltkrieges tatsächlich verbreiten sollten.

Der Krieg, Ende der Satire

Der Ausbruch des Kriegs 1914 bedeutete auch für die Karikaturisten eine tiefe Zäsur. Die Redaktion des »Simplicissimus« musste sich die Frage stellen, ob sie das Blatt einstellen oder aber unter veränderten Vorzeichen fortführen sollte. Man entschied sich für die zweite Option, freilich um den Preis, dass die Stoßrichtung nun eine andere war. Der satirische Blick schwenkte von den innen- zu den außenpolitischen Ereignissen. Die Einheit der Nation als Bollwerk gegen die Kriegsgegner Frankreich und England durfte nicht ins Wanken gebracht werden. Der einhellige Hurra-Patriotismus mag manchem Kritiker auch die Stimme verschlagen und den Glauben an eine Resonanz genommen haben.

Nach dem Zusammenbruch der alten Ordnung 1918 setzten Gulbransson, Heine und Thöny ihren satirischen Kurs wie zu Vorkriegszeiten fort. Zur Avantgarde aber gehörten sie nicht mehr. Dafür gelang es dem »Simplicissimus«, neue Mitarbeiter zu gewinnen, die frischen Wind mit sich brachten. George Grosz und Jeanne Mammen haben durch ihre Zeichnungen unsere Vorstellung vom Alltag der Weimarer Republik bis heute geprägt und erzielen auf Auktionen teils sechsstellige Beträge.

Dagegen sind die vor dem Ersten Weltkrieg entstandenen Karikaturen immer noch verhältnismäßig günstig und halten zahlreiche attraktive Kaufgelegenheiten bereit.

KARIKA­TU­RISTEN

HENRY BING

1905 kam Bing (1888–1965) mit 17 Jahren von Paris nach München, wo er bald Anschluss an Schwabinger Künstler- und Bohemekreise fand und für die »Jugend« wie für den »Simplicissimus« arbeitete. Charak­teristisch für seine Werke sind eine flächige Bildauffassung sowie eine stark vergröbernde Figuren­zeich­nung. Vagabunden und Bettler, Tagelöhner und Fabrikarbeiter, Dienstmägde und Marktfrauen, aber auch Künstler, Literaten und Ver­treter der Demimonde, oft an­gesiedelt in Kaffeehäusern oder Varietés, waren Bings bevorzugte Motive. Diese sind oft schon für einen niedrigen vierstelligen Euro-Betrag zu haben.

Henry Bing, Straßenszene
Die »Straßenszene« von Henry Bing, um 1912, kostet bei Kunkel 3800 Euro

LYONEL FEININGER

Bevor er zu einem der führenden Maler der klassischen Moderne avancierte, war Lyonel Feininger (1871–1956) ein bekannter und geschätzter Karikaturist. Der »Ulk« und die »Lustigen Blätter« druckten von 1895 bis zum Ersten Weltkrieg Hunderte seiner satirischen Werke ab, deren Ästhetik noch in seinen berühmten Mummenschanz-Bildern nachhallt. Während diese Millio­nenpreise erzielen, liegen die sehr selten angebotenen Karikaturen meist im vierstelligen bis unteren fünfstelligen Bereich.

OLAF GULBRANSON

Auf Einladung des »Simpli­cissimus«-Herausgebers Albert Langen kam der Norweger Gulbransson (1873–1958) 1902 nach München und zählte bis zur Einstellung des Blattes 1944 zu dessen Hauptmitarbeitern. Seine besondere Stärke lag in der Por­trätkarikatur, wobei es dem Künstler nicht um die Bloßstellung seiner Modelle ging, sondern um die humoristisch-satirische Erfassung von deren Physiognomie und Charakter. Die am Markt äußerst seltenen Vorlagen für den »Simpli­cissimus« liegen meist im mittleren bis gehobenen vierstelligen Euro-Bereich.

ERNST HEILEMANN

Szenen aus dem mondänen Leben der großbürgerlich-aristokratischen Oberschicht im wilhelminischen Kaiserreich waren die Spezialität des Berliners Ernst Heilemann (1870–1936). Sie erschienen vor­nehmlich in den »Lustigen Blät­tern«, aber auch in der »Jugend« sowie im »Simplicissimus«. Stilistisch stehen sie den Arbeiten von Ferdinand von Reznicek und Eduard Thöny nahe, mit dem Heilemann befreundet war.

Ernst Heilemann, Kulturfortschritt
Nebenbuhlerinnen: »Kulturfortschritt« von Ernst Heilemann, 1908, 6500 Euro bei Krümmer

THOMAS THEODOR HEINE

Der als Grafiker, Zeichner, Maler und Bildhauer tätige Thomas Theodor Heine (1867–1948) war Mitbegründer des »Simplicissimus« und entwarf dessen Wappentier, eine von der Kette gerissene, zähnefletschende rote Bulldogge. Sie demonstriert die Angriffslust des Blattes, in dem ihr Urheber von 1896 bis zu seiner Emigration 1933 mit über 2500 Zeichnungen vertreten war. Wie kein zweiter Künstler profilierte sich Heine als moralisches und politisches Gewis­sen der Satirezeitschrift und zeigte die gesellschaftlichen Missstände zwischen Kaiserreich und Weimarer Republik auf.

HEINRICH KLEY

Seine virtuosen Federzeichnungen machten Heinrich Kley (1863– 1945) zu einem der populärsten Mitarbeiter der »Jugend« und des »Simplicissimus«. Besonders geschätzt waren seine Tier-Mensch-Grotesken. Diese inspirierten später Walt Disney in den USA zu einigen seiner erfolgreichsten Zeichen­trickfilme wie »Fantasia«, »Dum­bo« oder »Das Dschungelbuch«. Kleys Tierkarikaturen zählen zu den beliebtesten Motiven des Künstlers und sind selten unterhalb eines mittleren bis höheren vierstelligen Euro-Betrages zu haben.

FERDINAND VON REZNICEK

Der 1868 in Wien geborene Reznicek zählte bis zu seinem frühen Tod 1909 zu den Hauptmitarbeitern des »Simpli­cissimus«. Seine Motive sind meist in der Welt des Geburts- oder Geldadels, aber auch in der Lebe- und Halbwelt angesiedelt. Boudoirs, Séparées und Ballsäle bilden oft die Kulisse für amüsante Szenen, in denen es häufig um Doppelmoral oder die erotische Annäherung zwischen Mann und Frau geht.

Ferdinand von Reznicek, Sarah Bernhardt als Jeanne d’Arc
Ferdinand von Reznicek, »Sarah Bernhardt als Jeanne d’Arc«, Zuschlag 450 Euro, Karl & Faber

FRIEDRICH STAHL

Zu den künstlerisch hervor­ra­gendsten Beiträgen der in Mün­chen herausgegebenen Zeitschrift »Flie­gende Blätter« zählten die von 1899 bis zum Ersten Weltkrieg pub­lizierten Beiträge von Friedrich Stahl (1863–1940). Auch wenn sich die satirische Stoßrichtung seiner impressionistisch angelegten Gou­achen erst aus den Titeln oder den beigegebenen Texten der Redaktion ergibt, ist die subtile karikatu­ristische Note in seinen Beob­achtungen aus dem Leben der gesellscha lichen Oberschicht nicht zu übersehen.

FRANZ VON STUCK

Dass der Malerfürst (1863–1928) über einen temperamenthaften Humor verfügte, sieht man vor allem seinem zeichnerischen Frühwerk an. Neben Porträt­kari­katuren von Kollegen entstanden zwischen 1887 und 1891 zahlreiche Beiträge für die »Fliegenden Blätter«. In die satirische Zeichnung »Zugfahrt III. Klasse«, die 2016 bei Christie’s London einen Zuschlag von 7000 Pfund erzielte, fügte Stuck ein amüsiertes Selbstporträt ein.

Franz von Stuck, Am Biertisch
Franz von Stucks Männerszene »Am Biertisch«. Mit einem Gebot von 1500 Euro sicherte sich ein Sammler die Tuschzeichnung im Juni 2013 bei Neumeister

EDUARD THÖNY

Der Gesellscha skarikaturist Thöny (1866–1950) zählte zu den wich­tigsten Mitarbeitern des »Simpli­cissimus«, in dem er von 1896 bis 1944 mit über 3400 Beiträgen vertreten war. Ideen und Motive fand der Künstler im beschaulichen München wie im kosmopolitischen Berlin, wobei er hier wie dort Aristokratie und Proletariat, Militär und Bürgertum, Hautevolee und Boheme aus nächster Nähe beob­achtete.

ALBERT WEISGERBER

Der im Krieg gefallene Albert Weisgerber (1878–1915) gehörte zu den vielseitigsten Mitarbeitern der »Jugend«. Die Themen seiner von 1897 bis 1914 erschienenen Kari­katuren sind meistens sozialer, politischer oder religiöser Natur und lassen eine stilistische Entwicklung erkennen, die vom Münchner Ju­gend­stil bis hin zu den Einflüssen der französischen Plakatkunst reicht. Die nur selten am Kunst­markt angebotenen Blätter liegen in den meisten Fällen im mittleren bis oberen vierstelligen Bereich.

Albert Weisgerber, Serenissimus
Albert Weisgerber, »Serenissimus« von 1908, das Blatt wurde 2012 bei Winterberg für 4400 Euro zugeschlagen

RUDOLF WILKE

Nach dem Kunststudium in München und Paris arbeitete Wilke, Jahrgang 1873, von 1899 bis zu seinem Tod 1908 für den »Simpli­cissimus«. Seine Vorliebe galt den skurrilen, nicht selten schrulligen Typen, vorzugsweise Land­strei­chern und Vaganten, aber auch Oberlehrern und Korpsstudenten. Ein nervöser Strich kennzeichnet seine meist skizzenhaft angelegten Zeichnungen, aus denen ein ausgeprägt karikaturistisches Form­em­pfinden spricht. Mit diesem hatte er großen Einfluss auf viele andere Mitarbeiter des Blattes. Werke von ihm sind am Markt nur sehr selten zu haben.

HEINRICH ZILLE

Der aus ärmlichen Verhältnissen stammende Zille (1858–1929) begann um die Jahrhundertwende, Szenen aus dem Berliner Proletariat zu zeichnen. Obwohl die Themen seiner »Milljöh«-Bilder meist recht derb sind, mildert seine vernied­lichende Art zu zeichnen die Drastik der Motive deutlich ab. Als sporadischer Mitarbeiter der »Lusti­gen Blätter«, der »Jugend« und des »Simplicissimus« machte er seine Werke einem breiten Publikum be­kannt. Heute erzielen sie vier- bis fünfstellige Beträge im Kunst­handel. Die Galerie Rudolf hat regelmäßig Werke im Angebot.

Gut zu wissen

Wo kann man deutsche Karikaturen der Zeit um 1900 anschauen?
Welche Kunsthändler und Auktionshäuser bieten sie an?
Unsere kompakte Übersicht gibt Antwort

Bild: Wilhelm-Busch-Gesellschaft e. V.
Das Museum Wilhelm Busch in Hannover besitzt eine exzellente Karikaturensammlung

SCHAUEN

Die dem Umfang und der Qualität nach bedeutendste Sammlung von deutschen Karikaturen um 1900 befindet sich im Museum Wilhelm Busch in Hannover, zugleich Deutsches Museum für Karikatur und Zeichenkunst. Das idyllisch in einem englischen Landschaftsgarten des 18. Jahrhunderts gelegene Haus hat seit den 1960er-Jahren durch Stiftungen und Ankäufe einen hervorragenden Bestand aufgebaut, dessen Schwerpunkt auf Werken für den »Simplicissimus« liegt. Nach einem Meister der Karikatur ist ebenfalls das Olaf Gulbransson Museum in Tegernsee benannt, das zu den Bayerischen Staatsgemäldesammlungen gehört. Das von Sep Ruf entworfene Gebäude besticht nicht nur durch seine elegante moderne Architektur, sondern auch durch seine malerische Lage unweit der Seepromenade. In der Dauerpräsentation ist eine repräsentative Auswahl von Gulbranssons Gemälden zu sehen, zudem werden die Geschichte und die Hauptmitarbeiter des »Simplicissimus« vorgestellt. Diese sind traditionell Gegenstand von Sonderausstellungen sowie der Vorträge zu den Sonntagsmatineen. Die Staatliche Graphische Sammlung in München verfügt zwar über kein eigenes Gebäude, zeigt ihre reichen Bestände von Werken der Simplicissimus-Mitarbeiter jedoch immer wieder in monografischen Ausstellungen in der Pinakothek der Moderne. Im Studiensaal, angesiedelt im Haus der Kulturinstitute, können sich Besucher nach Voranmeldung u.a. die umfangreichen Bestände zu Karl Arnold, Bruno Paul und Erich Schilling vorlegen lassen. Ein reicher Bestand an Karikaturen der wichtigsten Simplicissimus-Mitarbeiter findet sich auch im Museum Georg Schäfer in Schweinfurt.

Bild: Grisebach, Berlin
Heinrich Zille, »Berlin N«, Tuschzeichnung von 1914, Hammerpreis 15 000 Mark bei Grisebach, 2001

Die Werke werden seit geraumer Zeit verstärkt in die Sonderausstellungen integriert, nach Voranmeldung sind sie aber auch im Studiensaal anzuschauen. Darüber hinaus finden sich in vielen Grafischen Sammlungen im deutschsprachigen Raum hervorragende Bestände an deutschen Karikaturen um 1900, etwa im Kupferstichkabinett der Staatlichen Museen in Berlin, in der Kunsthalle Bremen, im Sprengel Museum in Hannover, im Münchner Lenbachhaus, im Karikaturmuseum Krems oder im Cartoonmuseum Basel.

Bild: Karl & Faber Kunstauktionen, München
»Rangordnung« von Eduard Thöny, 1898, im Dezember 2013 für 4500 Euro bei Karl & Faber zugeschlagen

KAUFEN

Bis vor einigen Jahren waren deutsche Karikaturen um 1900 noch relativ häufig bei spezialisierten Antiquaren und Kunsthandlungen in Deutschland zu finden. Allerdings sind in den letzten Jahren einige führende Anbieter verstorben, oder sie verlagerten ihren Handelsschwerpunkt. In der Galerie Konrad Bayer in München sowie bei Krümmer Fine Art in Hamburg wird man jedoch immer wieder fündig. Kunkel Fine Art in München führt die Werke der wichtigsten Mitarbeiter des »Simplicissimus« im Programm und stellt sie regelmäßig auf Messen aus. Werke von international bekannten deutschsprachigen Gelegenheitskarikaturisten sind nicht selten im Programm von amerikanischen Kunsthändlern, etwa Lyonel Feininger bei Achim Moeller in New York. Viele Sammler suchen neben den Zeichnungen auch die originalen Ausgaben der Zeitschri en, in denen sie erschienen. Einzelne Hefte sowie ganze Jahrgänge der »Fliegenden Blätter«, der »Jugend« oder des »Simplicissimus« u.a. bietet das mittlerweile in zweiter Generation geführte Münchner Antiquariat Hans Hammerstein. Im Internet wird man über zvab.de oder abebooks.com fündig.

BIETEN

Am häufigsten werden deutsche Karikaturen um 1900 naturgemäß auf deutschen Auktionen angeboten. Traditionell sind die Münchner Häuser Karl & Faber, Ketterer und Neumeister auf dem Gebiet führend, wobei auch immer wieder Werke bei Ursula Nusser oder Ruef zu finden sind. Da Karikaturen um 1900 bereits zu ihrer Entstehungs- zeit im gesamten deutschsprachigen Raum gesammelt wurden, können sie dort auch fast überall zum Aufruf kommen, etwa bei Bassenge in Berlin, in der Galerie Kornfeld in Bern oder im Wiener Dorotheum. Vereinzelt bieten auch die großen Auktionshäuser in London, Christie’s, Sotheby’s und auch Bonhams, interessante Blätter an.

Bild: Grisebach, Berlin
Friedrich Stahl machte sich gern über die Oberschicht lustig. Die Gouache »Teestunde«, um 1900, erzielte bei Grisebach 2012 ohne Aufgeld 5000 Euro

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Die grundlegenden Überblickswerke zum Thema sind alle nur noch antiquarisch erhältlich. Kurt Flemigs »Karikaturisten-Lexikon« (1993) bietet Informatio- nen zu Leben und Werk von über 1600 Karikaturisten, deren Werke seit Beginn des 19. Jahrhunderts im deutschsprachigen Raum publiziert worden sind: sehr hilfreich für die erste Recherche zu einzelnen Künstlern. Thematisch breiter ist der reich bebilderte Ausstellungskatalog »Bild als Waffe. Mittel und Motive der Karikatur in fünf Jahrhunderten« (1984). Sehr gut ist hier die Entwicklung der europäischen Karikatur vom Mittelalter bis ins 20. Jahrhundert dargestellt. Ein großzügig illustriertes Standardwerk, das in keiner Handbibliothek zur Karikatur um 1900 fehlen sollte, ist der Ausstellungskatalog »Simplicissimus. Eine satirische Zeitschrift, München 1896–1944« (1978). Daneben sind zu den meisten prominenten Karikaturisten um 1900 in den letzten Jahrzehnten Monografien oder Ausstellungskataloge erschienen. Von zentraler Bedeutung für den Sammler sind natürlich die Zeitschriften selbst, in denen die Werke veröffentlicht wurden. Sie finden sich in zahlreichen öffentlichen Bibliotheken, zudem sind viele von ihnen digitalisiert worden und komplett online einsehbar: etwa unter simplicissimus.info, jugend-wochenschrift.de oder ub.uni-heidelberg.de (»Fliegenden Blätter«).

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