Presse

DIE ZEIT, Ausgabe 27. Dezember 2013, Seite 52

 

TRAUMSTÜCK

Berliner Dünkel

Eduard Thöny und die Sitten im Kaiserreich

von SEBASTIAN PREUSS

Der Kutscher schaut wie ein bla­sierter Aristo­krat von seinem Bock herab. Graf Koks von der Gasanstalt, wie die Berliner sagen. Neben ihm eine aufgetakelte Dame mit ver­ächt­lich gespitzten Lippen. Die Szene ist eine fast zu­fällig wirkende Mo­ment­auf­nahme, wie ein foto­gra­fischer Schnapp­schuss. Aber natür­lich ist hier nichts dem Zufall über­lassen. Das konnte der große Thöny nämlich per­fekt: die Sitten und Laster, die Ge­sich­ter und Fratzen der rasant da­hin­stür­menden Epoche um 1900 lässig und zugleich ätzend­entlarvend einfrieren. Der Zeichner und Karikaturist Edu­ard Thöny (1866 bis 1950) war einer der bedeu­tend­sten und prägendsten Mit­ar­bei­ter des Simplicissimus. Auch die Kutschfahrt er­schien in der Sa­tire­zeitschrift; 1899 zierte die Szene unter dem Titel Klassenjustiz das Titel­blatt von Heft 20. Von dem Mann im Fond, dem wahren Herrn der Ka­rosse, erkennen wir nur vage Ge­sichtszüge. Im Untertitel legen ihm die Redakteure die Worte in den Mund: »Mit Preußen geht es faktisch abwärts, jetzt ist die sächsische Justiz uns schon an Schnei­digkeit über.«

Eduard Thöny (1866-1950), Klassenjustiz (1899)
Thönys »Klassenjustiz« (1899)

Worauf angespielt wird: Im Jahr zuvor hatte sich der Simplicissimus über die Palästi­­nareise Kaiser Wil­helms II. lustig gemacht. Ein Leipziger Gericht verklagte die Wochenschrift dafür wegen Majestätsbeleidigung; der Schrift­steller Frank Wedekind und der Zeichner Thomas Theodor Heine kamen für ein halbes Jahr in Festungshaft, der Verleger Albert Langen floh ins Ausland. Doch die Redaktion in München ätzte weiter gegen die kaisertreue Berliner Ober­schicht, die beharrlich an ihrem re­ak­tionären Dünkel festhielt.
Der Münchner Kunsthändler Alex­ander Kunkel bietet das mit Aquarell, Tusche, Spritztechnik und Deckweiß gearbeitete Blatt für 12.000 Euro an. Ein stolzer Preis, aber durchaus ge­recht­fertigt, denn es ist eine von Thönys schönsten und auch schärf­sten So­­zial­be­obachtungen. In dieser Qualität kommt das nur alle paar Jahre auf den Markt.­

 

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