„Wie ich wurde, was ich bin“
WELTKUNST INSIDER
Das Briefing für die Kunstbranche
Ausgabe vom 25. August 2026
Alexander Kunkel ist Kunsthistoriker, Kunsthändler und seit 2012 Inhaber der Galerie Kunkel Fine Art, die auf Kunst des 19. und 20. Jahrhunderts spezialisiert ist. Er studierte Kunstgeschichte, Geschichte und Literatur an der Ludwig-Maximilians-Universität München und promovierte 2010 mit einer Arbeit über den Künstler Heinrich Kley (1863–1945). Die Ergebnisse seiner Forschungen präsentierte er 2011 in der von ihm kuratierten Ausstellung „Heinrich Kley. Meister der Zeichenfeder im Kontext seiner Zeit. Von Max Klinger bis Walt Disney“ im Museum Villa Stuck. Mit seiner Galerie vermittelt Kunkel Werke vom Realismus bis zur Kunst nach 1945. Kunkel Fine Art ist regelmäßig auf der Kunstmesse Highlights in München vertreten. Seit 2016 ist Kunkel zudem deren Co-Geschäftsführer.
Was würden Sie heute sagen: Haben Ihre Eltern immer an Sie geglaubt? Oder haben Sie Zweifel gespürt?
Meine Eltern haben mich in allen Dingen, die mir wichtig waren, unterstützt. Wenn Fragen oder Zweifel bestanden, haben wir diese offen besprochen. Nicht selten sind aus dem Dialog Ideen erwachsen, die mir wertvolle Denkanstöße gegeben haben.
Hat Kunst in Ihrer Familie eine Rolle gespielt?
Ja, das Thema Kunst hatte immer einen hohen Stellenwert in unserem Familienleben. Gespräche über Kunst, Museums- und Ausstellungsbesuche sowie Reisen an kulturell bedeutsame Orte sind seit meiner Kindheit ein fester Bestandteil meines Alltags.
Wie würden Sie Ihren Beruf jemandem erklären, der vom Kunstmarkt keine Ahnung hat?
Ich handle mit Werken, die zwar keinen objektiven Wert haben, denen aber einige Menschen einen hohen subjektiven Wert beimessen. Die Suche nach und das Erforschen von solchen Werken ist genauso reizvoll wie ihr vorübergehender Besitz und die erfolgreiche Vermittlung an spätere Eigentümer.
Was haben Sie in Ihrer Ausbildung/Ihrem Studium für Ihr späteres Leben gelernt?
Vor allem das akademische Rüstzeug, welches ich mir im Studium der Kunstgeschichte, Literatur und Geschichte erwerben durfte, hilft mir in der Ausübung meiner beruflichen Tätigkeit. Der Rest sind Praxis und Erfahrung.
Hatten Sie Förderer? Und falls ja: Woran haben Sie das gemerkt? Was haben sie für Sie getan?
Ich hatte das Glück, über Freunde der Familie aus der Kunstwelt Praktika während meines Studiums im Kunsthandel sowie in der Museumswelt absolvieren zu können. Diese haben mir eine Vorstellung von den jeweiligen Aufgaben und Herausforderungen gegeben und mir die Berufswahl erleichtert. Später waren es ältere Kollegen aus dem Kunsthandel, die mich mit Erfahrungen, Ratschlägen und Kontakten unterstützt haben. Mit den meisten bin ich heute noch beruflich und freundschaftlich verbunden. Aber: Wo Licht ist, ist leider auch Schatten und nicht wenige Kollegen haben durch ihre Art des Agierens dazu beigetragen, dass sich gerade auf dem Gebiet der alten Kunst in Deutschland nur wenige junge Händler selbstständig gemacht haben. Heute (schein-)klagen diese Händler oft am lautesten, dass der Nachwuchs fehlt.
Haben Sie einen Tipp für Bewerbungsgespräche?
Ein nicht übermäßig selbstsicheres Auftreten wirkt im Zeitalter einer oft sehr von sich selbst überzeugten Generation m. E. durchaus sympathisch. Leidenschaft und Leistungsbereitschaft sollten bei aller Bescheidenheit dennoch erkennbar sein. Ein guter Arbeitgeber wird das Potenzial und die Ambition eines Arbeitnehmers schnell erkennen und fördern.
Können Sie gut verhandeln?
In Verhandlungen agiere ich ergebnisorientiert und möchte weder die Zeit meines Gegenübers noch meine eigene vergeuden. Am Ende sollten beide Parteien ein gutes Gefühl haben und sich auf das nächste Gespräch bzw. künftige Geschäfte freuen. Der Erfolg im Kunsthandel beruht m. E. auf langfristig anhaltenden Beziehungen. Respekt und Höflichkeit sind neben Kompetenz und Effizienz hierbei Schlüsselfaktoren.
Auf welche berufliche Entscheidung sind Sie stolz?
Ich schätze mich glücklich, 2014 – zwei Jahre nach Gründung meines Kunsthandels – die Chance erhalten und wahrgenommen zu haben, erstmals auf der Highlights – Internationale Kunstmesse München ausgestellt zu haben. Dass ich später Gesellschafter und Co-Geschäftsführer der Messe geworden bin und zusammen mit einigen wunderbaren Mitstreitern einen Beitrag zur Stärke des Kunsthandelsstandortes München leisten kann, erfüllt mich mit Stolz.
Welche bereuen Sie?
Bislang glücklicherweise keine …
Was würden Sie mit dem Wissen von heute anders machen?
Jeden Tag versuche ich, etwas dazuzulernen und mich den sich verändernden Gegebenheiten des Marktes anzupassen. Sicherlich macht man dabei Fehler, aber das gehört dazu. Hierauf schnell und richtig zu reagieren ist wichtiger, als falsche Entscheidungen zu bereuen.
Wann hatten Sie Glück? Und warum glauben Sie das?
Allgemein benütze ich lieber das Wort „Fortune“ statt „Glück“. Etwas „Fortune“ ist bei jeder Akquisition, bei jeder Recherche und bei jedem Verkauf vonnöten. Der Kunsthändler handelt mit einem Gut, dessen Begehrlichkeit von so vielen Zufällen abhängt, dass er sich nie sicher sein kann, ob eine Transaktion vonstattengeht oder nicht. Zudem kommen viele externe – wirtschaftliche, politische, gesellschaftliche – Faktoren hinzu, die nicht in seiner Hand liegen. In gewissen Situationen muss man deshalb eben einfach „Glück“ haben. Aber dies sind die Ausnahmen …
Glauben Sie, dass Sie Ihren heutigen Job bis zu Ihrer Rente machen?
Wenn Gott und meine Kunden es wollen, werde ich meinen Beruf, der ja vor allem auch meine Passion ist, bis ins Rentenalter ausüben.
Was mögen Sie an Ihrem Beruf? Und was nicht?
Was ich mag: den Kontakt und Austausch mit interessanten Sammlern, Kollegen und Experten. Was ich nicht mag: administrative Hürden, lange Reaktionszeiten, Unverbindlichkeit.
Wen haben Sie gefördert?
Im Rahmen eines bis vor Corona von mir ausgeübten Lehrauftrages an der LMU München habe ich versucht, Studentinnen und Studenten einen vertieften Einblick in die Praxis des Kunsthandels zu geben, ihnen Kontakte, Praktika und erste Jobs zu vermitteln. Mit einigen stehe ich noch heute in Verbindung, und ich freue mich, dass mindestens fünf von ihnen gute Positionen im Kunsthandel mit Aufstiegschancen gefunden haben. Auch mit zwei meiner ehemaligen Mitarbeiterinnen stehe ich in engem Kontakt und freue mich, wenn ich mit dem ein oder anderen Rat helfen kann.
Gab es schon mal einen Moment in Ihrem Beruf, in dem Sie gedacht haben: Das können Jüngere besser?
Auf jeden Fall! Zum Beispiel alles, was mit IT oder Social Media, die für den Kunsthandel immer wichtiger werden, in Zusammenhang steht.
Was können Sie besonders gut in Ihrem Beruf?
In meinem Kerngebiet (Zeichnungen, Gemälde und Skulpturen des 19. und 20. Jahrhunderts) meine ich ein gutes Auge für Qualität zu haben.
Was würden Sie gerne können? Im Leben und im Beruf?
Gerne würde ich mehr Fremdsprachen beherrschen.
Welche berufliche Reise hat Ihr Leben verändert?
Das lässt sich schwer beantworten, aber ich denke, dass meine seit der Studienzeit häufig unternommenen Reisen in europäische Kunsthandelszentren wie Berlin, Wien, Zürich, Brüssel, Rom, Paris und London viel für die Entwicklung meines Kunsthandels getan haben.
Und welche berufliche Begegnung?
Die Begegnung mit einigen Kollegen und Sammlern sowie der Leiterin der Highlights, der ich seit einem Jahrzehnt in vielerlei Hinsicht sehr eng verbunden bin.
Haben oder hatten Sie manchmal das Gefühl: Irgendwann fliegt auf, dass ich das gar nicht kann?
Was ich nicht kann, packe ich auch nicht an beziehungsweise lasse es schnell wieder bleiben. Deshalb habe ich auch nach zwei Semestern mein erstes Studium – Jura – abgebrochen.
Haben Sie ein Vorbild?
Es sind eher Eigenschaften als Menschen, die vorbildhaft auf mich wirken.
Wen in Ihrem Beruf bewundern Sie und warum?
Menschen mit Vision, die „das Spiel neu denken“ und bereit sind, dabei Risiken einzugehen.
Welchen Rat haben Sie heute an Jüngere, die Ihren Beruf lernen wollen und am Anfang ihrer Karriere stehen?
Als Erstes sollte man sich bewusst werden, welches Gebiet einem am meisten liegt und in welchem man meint, sich durch eine Mischung aus Intuition, Studium und Austausch eine profunde Expertise erwerben zu können. Ansonsten: Praktika in einschlägigen Häusern, Reisen zu Ausstellungen, Auktionen und Messen, Aufbau eines Netzwerkes, erste Werke kaufen und verkaufen (eventuell auch mit erfahrenen Kollegen, die einem wohlgesonnen sind). Und vor allem: Ergreifen Sie die Initiative! Damit sind Sie immer einen Schritt voraus.
Warum lieben Sie Kunst?
Kunst ist eine erfüllende und spannende Art, sich über Epochen und Kontinente hinweg mit menschlichen Eigenschaften wie Kreativität, Talent und Gestaltungswillen auseinanderzusetzen. Die von großen Künstlern geschaffenen Artefakte stiften Energie, Freude und Sinn. Sich mit ihnen befassen und umgeben zu dürfen ist eines der schönsten Privilegien überhaupt.
Wenn Sie es sich frei aussuchen dürften: Haben Sie noch einen Traumjob? Außer Ihrem heutigen natürlich.
Das wäre vermutlich ein Job im Bereich der Unterhaltungsbranche oder des Gartenbaus.
Wer wären Sie, wenn Sie beruflich nichts mit Kunst machen würden? Was würden Sie beruflich machen?
Vermutlich würde ich meiner humoristisch-satirischen Ader nachgeben und im Bereich des Theaters oder im Showbusiness arbeiten wollen.
Das Interview führte Stefan Weixler.