Von zeitloser Relevanz

KUNST UND AUKTIONEN
Ausgabe Nr. 3, Jahrgang 46, 23. Februar 2018, Seite 6

Max Klinger, Schlafende

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Linienspiel und Farbenrausch in der Münchner Repräsentanz von Artcurial

Billard”, meinte Albert Einstein einmal, “sei die hohe Kunst des Vorausdenkens, erfordere das logische Denken eines Schachspielers und die ruhige Hand eines Konzertpianisten.” So weit, so gut. Aber Achtung! Profis raten: „Think while standing, not while shooting“. Doch selbst dann, bei optimaler Vorgehensweise: Ist der Stoß endlich erfolgt, treffen die Kugeln wechselwirksam aufeinander, kommt’s – wie jeder weiß –, wie’s eben kommt: mal so und mal so … Daher taugt diese Karambolage mit ungewissem Ausgang irgendwie auch als eine Metapher der Gesellschaft – „als Modell der Wirklichkeit“, wie Friedrich Dürrenmatt es formulierte, „als eine ihrer möglichen Vereinfachungen“.

Das mag die lange Tradition der Spielidee erklären, die William Shakespeare in Antony and Cleopatra (1606) mit den Worten „let’s to billiards“ – vielleicht gar nicht ganz zu Unrecht – bereits vor Christus ansetzte. Fest steht aber: Als Charles Cotton 1674 The Compleat Gamester publizierte, war „the genteel, cleany and ingenious Game“ längst in weiten Kreisen etabliert.

1807 hat Louis-Léopold Boilly (1761 – 1845) das bunte öffentliche Treiben rund um Un jeu de billard in Öl auf Leinwand festgehalten (St. Petersburg, Eremitage). Artcurial (Paris) bringt am 21. März im Rahmen der Auktion Maîtres anciens & du XIXe siècle bei 3.000 Euro eine Kreidestudie dazu zum Aufruf – Etude d’homme penché: das Bild eines über den unsichtbaren grünen Tisch gebeugten Vorausdenkers.

Bereits am 2./3. März ist das Werk in der vor knapp drei Jahren installierten, von Moritz Freiherr von der Heydte geleiteten Münchner Repräsentanz des Hauses zu sehen. Neben weiteren Papierarbeiten aus der Pariser Offerte, die mit Schätzpreisen von 1.200 bis 12.000 Euro an den Start gehen. Und neben ausgewählten Blättern des späten 19. und beginnenden 20. Jahrhunderts, die Kunkel Fine Art (München) und Thole Rotermund Kunsthandel (Hamburg) im Zuge dieses deutsch-französischen Kunstevents in der bayrischen Hauptstadt zu Preisen von 5.500 bis 145.000 Euro anbieten.

 

Dem Geist der Kreativität kann man kaum näher kommen

Das Dreigestirn will mit der Gemeinschaftsausstellung Linienspiel und Farbenrausch – Zeichnungen vom Barock bis zum Expressionismus den Markt nach der Winterpause gewissermaßen durch einen ersten konzertierten Stoß wieder ins Rollen bringen. Einen Markt, der seit Jahren im Wachsen begriffen ist. Denn große Kreise haben mittlerweile verstanden, was lange Zeit nur unter Connaisseurs Konsens war – und zwar: Dass man dem Geist der Kreativität nirgendwo näher kommen kann als im Kontakt mit Zeichnungen. Weil der Duktus der Hand als Motor einer jeden Arbeit – ob fahrig oder konzentriert, ob frei oder befangen, ob mutig oder zögerlich – jenseits des jeweils untersuchten Gegenstands das Temperament des Künstlers selbst zum Ausdruck bringt.

Die Zeichnung ist aber nicht nur deshalb attraktiv: Der Charme des Sammelgebiets besteht auch darin, dass man hier noch immer recht problemlos an Originale von bekannten Namen kommen kann: an zeitlose Werte eben – und das auch noch für kleines Geld. Insbesondere im generell unterbewerteten Sektor der Alten/ Älteren Kunst gehen erstklassige Handzeichnungen oft schon für ein paar Tausend Euro über den Tisch. Aber auch Arbeiten der Klassischen Moderne sind in der Regel deutlich billiger zu haben als qualitativ vergleichbare Werke aus der Gemäldesparte.

In München lässt sich das alles herrlich nachvollziehen. Da gibt es beispielsweise Jean-Baptiste-Marie Pierres (1714 – 1789) atmende Rötelstudie einer lagernden Nymphe – ein Abbild des pulsierenden Lebens (Artcurial, Taxe 6.000 Euro). Oder ein virtuos mit brauner Feder und Kreide hingeworfenes Skizzenblatt von Antoine-Jean Gros (1771 – 1835), das hochdekorativ um das Thema Pferd und Reiter kreist (Artcurial, Taxe 12.000 Euro). Man bekommt auch wunderbar „ehrliche“ Arbeiten mit Zimmermannsbleistift von Adolph Menzel (1815 – 1905) zu sehen, in denen er eine Dame mit Hut und einen Bärtigen Mann verinnerlichte (Kunkel Fine Art, 45.000 Euro und 39.500 Euro). Oder die mit Stahl und Rohrfeder eingefangene Schlafende des musikbegeisterten Tausendsassas Max Klinger (1857–1920), eine Vorstudie für die Radierung Tod aus dem Zyklus Eine Liebe, Opus X (Kunkel Fine Art, 35.000 Euro). Und – last, not least – kann man einen gestischen Weiblichen Akt in schwarzer Kreide von Ernst Ludwig Kirchner (1880 – 1938) studieren (Thole Rotermund Kunsthandel, 145.000 Euro) – ein Werk aus einer völlig anderen Zeit, und doch mit allen benachbarten Blättern verwandt.

Denn als lineare Kunst, die der Welt unentwegt Kontur zu geben versucht – die fassen will, was per se gar nicht zu fassen ist – berührt die Disziplin auf hohem Abstraktionsniveau stets auch ein existenzielles Menschheitsthema: die ewige Frage nach dem Warum. Damit sind Handzeichnungen, gleich welches Thema sie bespielen, prinzipiell über jede Mode erhaben – und damit von zeitloser Relevanz …

Text: Stefan Weixler

ARTCURIAL München, Linienspiel und Farbenrausch, Ausstellung mit Kunkel Fine Art und Thole Rotermund

Kunsthandel, 2./3. März
Auktion Paris, 21. März

www.artcurial.com