Schaufenster: Stillleben mit Kerzenleuchter von Walter Bondy

WELTKUNST
Ausgabe Nr. 183, April 2021, Seite 64

Walter Bondy, Stillleben mit Kerzenleuchter

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Es waren die unbeschwerten Jahre voll flirrender Farben und Gedanken. 1908 lebte Walter Bondy in Paris, der Stadt der künstlerischen Moderne. Was ihn und seine Malerfreunde umtrieb, diskutierten sie im legendären Café du Dôme. Nur über ihre Idole mussten sie nicht lange nachdenken, da herrschte Einigkeit: Paul Cézanne und Vincent van Gogh.

Bondy, der 1927 das Magazin Die Kunstauktion und damit den Vorläufer der WELTKUNST gründete, bevorzugte die klassischen Genres. Seine Landschaften tragen den Blick weit hinaus, der Bildraum ist illusionär, die Kompositionen von Licht durchdrungen. Dass er sich während seines Studiums in Wien, Berlin, München und Paris sowohl mit akademischen Traditionen als auch dem Impressionismus auseinandergesetzt hatte, macht das Oeuvre des damals 28-Jährigen sichtbar. Und dann gibt es Stillleben wie jenes, das der Münchner Kunsthändler Alexander Kunkel aktuell zeigt: ein durchdachtes Arrangement aus Topfblumen, Brot, Teller, Zitrone, Ei und einem Kerzenleuchter. Nichts ist dem Zufall überlassen. Die Gegenstände führen elegant von rechts aus der dunklen Tiefe ins Helle. Eine weiße Serviette im Vordergrund unterstreicht den Effekt und macht die Szenerie geradezu plastisch. Bondy ordnet die Dinge wie ein Bildhauer, um sie in kurzen, locker gesetzten Pinselstrichen wiederzugeben. Die Farbtöne bleiben meist unvermittelt nebeneinander stehen, der Duktus suggeriert Bewegung, die Motive präsentieren sich wie auf einer Bühne.

Als der Sommer in jenem Jahr Paris zur leeren Stadt macht, wechselt Bondy aufs Land und folgt damit den Gepflogenheiten der französischen Avantgarde, macht allerdings statt der Provence Meulan-Hardricourt zu seinem Ziel. Hier kommt er van Gogh, der das Stillleben mit Kerzenleuchter klar beeinflusst hat, so nahe wie nie – ausgerechnet in einem verschlafenen Nest nordwestlich der Metropole. Alexander Kunkel erzählt die Geschichte wie einen Krimi, angefangen mit dem Kneipenwirt Arthur Ravoux, der behauptet, zwei Gemälde van Goghs auf dem Dachboden zu haben, über Bondys hochnervöse Reaktion, der in den Bildern tatsächlich Originale erkennt, bis zu dessen Deal mit Ravoux – sicher nicht zum Nachteil des Künstlers, der mit seinen Schätzen nach Paris zurückkehrt. Erstanden hat er das Porträt von Ravoux’ Tochter Adeline und die Ansicht des Rathauses von Auvers-sur-Oise, wo van Gogh seine letzten Lebensmonate verbrachte und der Wirt zuvor ansässig war.

Zurück im Atelier, beschäftigt sich Bondy ausgiebig mit den Bildern, sein Stillleben mit Kerzenleuchter ist ein Dokument dieser intensiven Auseinandersetzung. Gleichzeitig reizt ihn der Wert seiner Erwerbungen, mit dem Kunstmarkt kennt sich der Cousin von Ernst Cassirer ebenfalls aus. Bondy trennt sich denn auch bald von beiden Meisterwerken; Adelines Porträt hängt heute im Cleveland Museum of Art, das Rathaus in einer Privatsammlung. Bondys Stillleben mit der leuchtend gelben Zitrone im Zentrum ist noch erhältlich.

Text: Christiane Meixner